REDE zur konstituierenden Sitzung des Runden Tisches zur Situation von Lesben und Schwulen in Frankfurt am 5. März 2002
von Hans-Peter Hoogen und Ulrike Habert vom Frankfurt Forum
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie dürfen es mir glauben, es ist eine große Freude, dass wir heute hier im Römer zu diesem Runden Tisch zusammengekommen sind. Vorab Dank an alle, die daran mit Engagement und bewegt von der Vision einer toleranten Gesellschaft mitgearbeitet haben.
Mehr als zwei Jahre ist es her, dass sich das Frankfurt Forum, eine Initiative für einen Runden Tisch zur Situation von Lesben und Schwulen in Frankfurt, zum ersten Mal getroffen hat. Aus der kleinen Initiative ist die hier anwesende Gruppe von Lesben und Schwulen entstanden, die schon heute bis zum ersten Treffen des Runden Tisches beachtliches erreicht hat.
Unsere Initiative ist in einem besonderen geschichtlichen Moment gestartet. Nach einer langen Zeit der strafrechtlichen Verfolgung und einer von der Mehrheit der Gesellschaft als selbstverständlich hingenommenen Diskriminierung ist in den letzten Jahrzehnten die Bereitschaft der Gesellschaft, Lesben und Schwule als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger anzuerkennen, deutlich angestiegen. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um das Gesetz über die Eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel angelangt.
Das Frankfurt Forum, die Vertretung von lesbischen und schwulen Organisationen, fordert für die ca. 40-50.000 lesbischen Bürgerinnen und schwulen Bürger dieser Stadt die gleichen Rechte und Pflichten ein, wie sie den heterosexuellen Lebensformen seit jeher selbstverständlich zugestanden werden. Klar sollte sein, dass es nicht um Privilegien sondern um eine ganz normale Teilhabe am Leben in der Stadt geht. Bei unserer Arbeit setzen wir auf wechselseitiges Verstehen ebenso wie auf Geduld und Verlässlichkeit. Damit werden die Voraussetzungen für einen fairen Dialog mit dem Magistrat, der Stadtverordnetenversammlung, der Stadtverwaltung und den anderen städtischen Einrichtungen geschaffen.
Am Anfang unserer Arbeit am Runden Tisch steht eine Bestandsaufnahme der Vorschriften und der konkreten Lebenswirklichkeit. Auf der Grundlage der Ergebnisse werden Maßnahmeempfehlungen formuliert, die zum Abbau vorhandener Diskriminierung und zur Herstellung einer verbesserten Wahrnehmung der Interessen von Lesben und Schwulen beitragen sollen. Ziel ist die entsprechende Einwirkung auf das kommunale Verwaltungshandeln und die Arbeit der städtischen Institutionen.
In einem längeren Diskussionsprozess mit den Lesben und Schwulen in der Stadt haben wir mehr als zwei Jahre Zeit gehabt, unsere Vorstellungen und Forderungen zu entwickeln und zu präzisieren. Dabei haben wir auch die Erfahrungen anderer Runder Tische wie dem von Münster Mitte der 90er Jahre in unsere Überlegungen mit einbezogen.
Im Frühjahr 2001 vor der letzten Kommunalwahl hat das Frankfurt Forum seine Vorschläge dem Magistrat, den Stadtverordneten und den politischen Parteien unterbreitet. Die Reaktionen reichten von vorbehaltloser Zustimmung bis zur grundsätzlichen Gesprächsbereitschaft.
Nach einem Antrag der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen kam es dann am 28.9 2002 zu dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, einen Runden Tisch zur Situation von Lesben und Schwulen einzurichten und zwar mit der großen Mehrheit der fünf größeren Römerparteien CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und FAG. Mit Magistratsbeschluss vom Oktober 2001 wurde Frau Stadträtin Jutta Ebeling, Dezernentin für Schule, Bildung und Umwelt mit der Leitung des Runden Tisches betraut. Nach einer kommunikativen Verarbeitung der vielen Anregungen und Anliegen wurde die hier als Vorschlag vorliegende Struktur des Runden Tisches und die hier vorgelegten Themenpapiere zu den Arbeitsbereichen erarbeitet.
Wir haben eine Reihe von Themen für diesen Runden Tisch vorgeschlagen, als da wären Jugend, Familie, Arbeit, Kultur und Freizeit, Alter, Gewalt und strukturelle Integration. Zu jedem Thema liegen Ihnen kurze Darstellungen vor. Darin haben wir erläutert in welchen Bereichen wir uns welche konkreten Veränderungen wünschen. Die Vielfalt der Themen zeigt deutlich, wie viele Bereiche es gibt, in denen Lesben und Schwule mit ihrer Lebensweise schlicht nicht wahrgenommen werden oder aber eindeutig diskriminiert werden. Dies ist der Grund warum sich nach wie vor so viele Homosexuelle verstecken, Angst davor haben, zu ihrer Lebensweise zu stehen.
Damit Sie sich unsere Situation ein wenig besser vorstellen können, möchte ich einige klassische Alltagssituationen in unserem Leben in Frankfurt/M darstellen. Dazu habe ich abwechselnd das Beispiel einer Lesbe und eines Schwulen gewählt.
Ein lesbisches Leben beginnt mit dem Coming-out, erst das innere, d.h. sie erkennt lesbisch, anders zu sein. Das alleine ist schon schwierig genug, denn wir werden nicht gerade mit positiven Bildern zur Homosexualität überhäuft. Nach dem inneren Coming-out erfolgt das äußere Coming-out, das berühmte Gespräch mit den Eltern: Mama, Papa, ich liebe Frauen. In der Regel folgen darauf weniger angenehme Reaktionen, von völligem Verschweigen und Ignorieren bis zum Rauswurf aus dem Elternhaus. Wie schön wäre es, wenn es Familienberatungsstellen gäbe, die hier positiv auf die Eltern einwirken würden.
In der Schule ist unser Schwuler gesehen worden, wie er mit einem anderen Jungen Zärtlichkeiten austauscht. Die Kommentare der Mitschüler sind vernichtend, Äußerungen wie schwule Sau leider alltäglich. Auf eine Unterstützung durch den Lehrer kann er nicht hoffen, sogar wenn dieser selbst schwul wäre. Der Lehrer hat vor allem Angst vor den Eltern der Schüler. Wie schön wäre es, wenn im Sexualkundeunterricht die Homosexualität als gleichwertige Lebensform dargestellt würde, wenn die Lehrer zu diesem Thema geschult würden und wenn Schüler und Lehrer auf eine externe Beratung zu dieser Problematik zurückgreifen könnten.
Unsere Lesbe findet nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz. Ihr burschikoses Erscheinungsbild ist trotz ihrer Fachkompetenz schnell Nährboden für Gerüchte: Die ist doch lesbisch so ein halber Kerl, Die hat doch nur keinen abgekriegt.
Sie denkt, wenn die Gerüchte sowieso schon existieren, kann sie auch ein Bild ihrer Freundin auf den Schreibtisch stellen. Danach gehen ihr die Kolleginnen aus dem Weg und auch ihr Chef lässt sie nicht mehr so gerne mit den Frauen alleine. Schließlich könnte sie diese ja verführen, statt zu arbeiten. Wie schön wäre es, wenn es in diesem Unternehmen eine Selbstverpflichtungserklärung gäbe, die sich für eine Akzeptanz auch dieser Lebensweise ausspricht und wenn die Stadtverwaltung hierzu eine Vorreiterrolle einnehmen würde.
Unser Schwuler sucht mit seinem Freund eine gemeinsame Wohnung. Die Vermieter lehnen immer wieder mit fadenscheiniger Begründung ab. Wie schön wäre es, wenn die städtischen Wohnungsgesellschaften mit gutem Beispiel vorangehen und ausdrücklich Wohnungen auch an homosexuelle Paare vermieten würden.
Wenigstens in ihrer Freizeit will unsere Lesbe sich von den Ausgrenzungen erholen. Sie spielt Fußball, und das nicht schlecht. Sie kommt in einem Verein in das Stammteam. Irgendwann einmal bricht sie das Training früher ab, weil ihre Freundin krank ist. Sie erzählt das der Trainerin. Seitdem spielt sie nicht mehr im Stammteam. Auf der Vereinsfeier hat man ihr nahegelegt, keine Zärtlichkeiten mit ihrer Partnerin auszutauschen, das könne die Kinder erschrecken. Wie schön wäre es, wenn die Vereine in ihrer Satzung ausdrücklich jegliche Diskriminierung ablehnen würden und dies im Rahmen von kommunalen Sportveranstaltungen durch die Stadt ausdrücklich gefördert würde.
Unsere Lesbe wird nach einem diskriminierungsreichen Leben ein Pflegefall. Die Altenpfleger im Altersheim kommen gar nicht auf die Idee sie könnte eine Lesbe sein, obwohl in ihrer Biografie nirgendwo Männer auftauchen. So denkt sich auch niemand etwas dabei, wenn sie von männlichen Pflegern gewaschen wird, und sie traut sich nicht zu sagen, wie furchtbar ihr das ist. Selbst wenn im Heim jemand auf die Idee käme, sie könnte eine Lesbe sein, würden sie sich nicht trauen, danach zu fragen. Und so wird das Thema auch hier totgeschwiegen. Wie schön wäre es, wenn die Altenpfleger und Altenpflegerinnen geschult wären, mit diesem Thema sensibel und entspannt umzugehen
Als unser Schwuler stirbt, wird er in einem Einzelgrab beerdigt und nicht im Grab seines langjährigen Lebensgefährten, weil das Friedhofsamt keine Familiengräber an zwei Männer vergibt. Wie schön wäre es, wenn auch die Friedhofsordnung sich die Liebe zwischen zwei Männern vorstellen könnte.
Das, was ich Ihnen hier in Kürze dargestellt habe, sind alltägliche Widrigkeiten, mit denen Lesben und Schwule leben müssen. Teilweise gibt es für diese Probleme inzwischen Lösungen, vielfach aber nach wie vor nicht. Wir haben die Hoffnung, dass mit dem Runden Tisch die Kommune angeregt wird, Homosexualität als eine gleichwertige Lebensform zu akzeptieren und ihren lesbischen Bürgerinnen und schwulen Bürgern ein Leben ohne Diskriminierung sei sie subtil oder offen zu ermöglichen.